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Im Alter ist alles anders: Essay über das Compassion Praktikum im Emmi – Seeh-Heim, Freiburg.

Von Elisa-Anais Engel

Altersheim. Wer assoziiert das nicht sofort mit grauen Haaren, ledrig-faltiger Haut und zittrigen Händen?
Das Alter wird oft nur an äußeren Merkmalen gemessen, sei es an dem zunehmenden Zerfall der Haut und dem einfallenden Gesicht oder auch nur an der stets abnehmenden Autonomie und Motorik.
Ist es nicht wichtig, das Augenmerk mehr auf das Innere zu legen, an den Ort der Weisheit, gepaart mit Erfahrung?
Ja, denn in jedem Alter sagt das Innere mehr aus als die äußere Facette.
Ab wann ist man alt?
Ist man alt, wenn man sich so fühlt oder zählt allein die nackte Anzahl an Jahren des Daseins, um das eigene Alter definieren zu können?
Ich denke, man ist so alt, wie man sich fühlt.
Das Wort Altersheim rief bei mir vor dem Praktikum das Bild von dahin vegetierenden alten Menschen in Rollstühlen hervor. Sabbernde Münder beim Essen und stets verwirrte Schreie. Ein sehr abwegiges Bild ist dies nicht und doch strotzt es an Vorurteilen und einer traurigen Darstellung des Altwerdens. Vermutlich ist dies die Erinnerung meines achtjährigen Ichs an die Besuche einer alten Dame im Altersheim. Zudem stellte ich mir die Fragen, wie ich auf die Menschen zugehen solle und wie ich auf sie wirken würde. Diese Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, bevor ich das Emmi-Seeh-Heim betrat.
Ein Altersheim, die Begegnungsstätte, der Ort, an dem sich meine Vorurteile ins Positive wandelten und mir eine komplett neue Sichtweise auf das Alter freigab. Die bisherigen Bedenken bezüglich des Zugehens auf die Menschen und meine Wirkungsweise auf sie, erübrigten sich.
Es bestand zwar stets ein innerer Konflikt zwischen alter und junger Generation, der Großeltern-Enkel- Konflikt, bei dem die führende Rolle bei der älteren Generation liegt, und doch war ich es hier, die Hilfe und Antworten geben konnte. Ein Rollentausch der besonderen Art, ungewohnt und doch auf gewisse Weise natürlich.
Besteht die Welt, bzw. das Dasein und Handeln nicht aus einem einzigen Geben und Nehmen?
Nein. Das Geben und Nehmen ist ein Idealverhalten der Gesellschaft und wird wahrlich oft verachtet oder findet nur noch wenig statt.
Die junge Generation wird von ihren Eltern leider oft zu einer Normalität des Besitzes, einer helfenden Hand, erzogen. Zwar wird es angestrebt, den Kindern zu vermitteln, dass Geben und Nehmen selbstverständlich sind, und doch trägt metaphorisch gesehen der Baum zunehmend weniger Früchte.
Wann kommt meine Familie zu Besuch?
Fragende Augen und ein hoffnungsvoller Blick, eine Frage, auf die oft niemand eine Antwort weiß. Manch eine/einer wird täglich besucht, andere warten Wochen oder gar Monate auf den Besuch der eigenen Familie.
Dies ist ein gutes Beispiel für die zuvor aufgestellte Metapher des Baumes und der Früchte.
Auf dem täglichen Programm des Emmi-Seeh-Heims, bzw. der Begegnungsstätte, stehen Kurse wie: Gymnastik, Englisch, Französisch, Gedächtnistraining, Rhythmik, Gesang, Würfeln, Farbreise, Yoga etc.
Ist Gymnastik im Alter überhaupt noch möglich?
Bringen die alten Menschen überhaupt noch den Willen auf, ihre alten Glieder zu bewegen, um das unvermeidliche Verrosten etwas hinauszuzögern?
All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich die Leute von ihren Stationen holte und zur Gymnastik brachte.
Es war bewegend. Jeder, wirklich jeder tat sein Bestes, turnte mit, so gut es ging. Sehr beeindruckend war die Dame neben mir. Trotz starker Schmerzen in den Beinen hob sie diese an und kämpfte gegen den Schmerz. Grimassen, hochgezogene Augenbrauen und doch ein willensstarker Ausdruck, dies zu schaffen, zeichneten ihr während der Gymnastik.
Dies gab mir eine verschlüsselte, wichtige Botschaft fürs Leben mit:
„Gib niemals auf, auch mit Schmerz ist alles schaffbar“.
Auf die Frage, ob es ihr wirklich gut gehe, meinte sie nur: „ Ja, es muss gehen“. Eine andere alte Dame, sehr aufgeweckt und stets eine spitze Bemerkung parat, brachte mich oftmals zum Schmunzeln.
Sie ließ ihren Gedanken, wie es so oft heißt, freien Lauf. So war stets ein „oje, oje“ oder „ was soll das denn nun schon wieder werden“, zu hören.
Ist man im Alter willenlos? Hat man noch den Willen zu leben, an diesem teilzunehmen, so gut es geht?
Dies lässt sich nun anhand der bisherigen Beobachtungen und Schilderungen deutlich mit „Ja“ beantworten. Man ist nicht willenlos, sondern kostet jeden Augenblick aus, da es der letzte sein könnte.
Selbst ein Mann mit Parkinson scheute sich nicht davor, an der Würfelgruppe teilzunehmen. Helfend war ich stets an seiner Seite und es kam jedes Mal ein überschüssiges „Danke, Danke“ zurück.
Dieses Bedanken berührte mich zutiefst, jedes Mal aufs Neue, und doch stimmte es mich auch traurig. Warum bedankte der Herr sich so oft?
War dies eine späte Folge von kindlicher Vernachlässigung?
Oder geschah dies aus purer Erleichterung, geholfen zu bekommen?
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die alten Damen und Herren wissen, bzw. denken, dass es nicht selbstverständlich ist geholfen zu bekommen.
Sind sie daher so erfreut über den frischen Wind in den Segeln?
Diese Frage lässt sich leider nicht ganz erschließen.
Ein italienisches Sprichwort besagt: „ Die Jugend ernährt sich von Träumen, das Alter von Erinnerungen“.
Dies ließ sich gut bei dem Spiel „Vetelekes“ beobachten. Fragen über die Vergangenheit:“ Was war ihr Lieblingstanz? Was wurde damals als Kühlschrank verwendet?“ Es eröffnete sich mir eine interessante Sichtweise auf die damalige Zeit. Glänzende Augen, ein verschmitztes Lachen oder auch Seufzen machte sich bei diesen Fragen auf den Gesichtern breit.
Ein Bild, das dem oben genannten Sprichwort sehr gerecht wird.
Bei den vergleichen zwischen damals und heute sagten einige:
„ Das kennen wir ja gar nicht, daran merkt man das Alter.“
Lernen die Jungen von den Alten oder hat im Laufe der Zeit ein unbemerkter Rollentausch stattgefunden?
Junge lernen aus ihren Fehlern, die sie machen, nicht aber von den Älteren. Die Älteren machten diese Fehler bereits und hoffen nun, dass die Jüngeren schneller aus ihnen lernen und ihre Schlüsse ziehen.
Marie von Eber- Eschenbach, eine Schriftstellerin, brachte dies mit einem weisen Spruch zum Ausdruck: „ Alt werden heißt sehend werden".
“ Haben alte Menschen Angst vor dem Tod? Oder sehen sie den Tod als eine Erlösung an? Angst vor dem Alter im Alter, ein wahres Wortspiel mit ernstzunehmendem Hintergrund.
Stimmt es, dass, man nur so alt ist, wie man sich fühlt?
Diese Frage bezieht sich auf jeden und doch lässt sie nur eine individuelle Antwort zu.
Den Beobachtungen zu Folge fühlt sich jeder alt im Altersheim, nur die Höhe des Alters wird oft unterschätzt. Komplimente häufen sich, da die
„ jungen Frauen“, auch schon Mitte 40, als jung empfunden werden und man sich selbst wohl auf dieses Alter herabstuft. Jeder Tag ist eine Wonne, noch da zu sein, leben zu dürfen. Das eigene körperliche Schmerzempfinden und auch das Gemüt sind oft durch Tabletten gedämpft. So ist es nicht selten, eine alte dame mit hohem Fieber, fidel durch die Gänge laufen zu sehen.
Ist Krankheit im fortgeschrittenen Alter ein unterschriebenes Todesurteil?
Leider oft schon. Eine erschreckende Erkenntnis, dass die eigene Wahrnehmung von Tabletten beeinflussbar ist und nur so ein Tag unbeschwert gelebt werden kann. So scheint der Tod weiter weg, aufgrund von der Illusion, völlig gesund zu sein. Er wird also oft nicht als Erlösung angesehen.
Die Wirkung von Musik, dem Klang der Seele, mein Klavierspiel wirkte sich oft sehr beruhigend und kraftgebend auf die alten Damen und Herren aus. Ich führte sie auf eine Klangreise der Sinne, der Noten und Töne des Herzens.
Kafka brachte ein interessantes Zitat über das Alter, das hier angemessen erscheint:
„Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden“.
Wird man durch eigenes Verhalten alt?
Oder ist das Alter irgendwann sowohl im Einklang mit dem Körper als auch mit dem Verstand? Ist es so, wie Helen Hayes sagt?
„Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt sind. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“
Die Jugend oder das jugendliche Empfinden, zu spielen und sich jung zu verhalten, hält demnach jung.
Gedächtnistraining, nur etwas für Alte?
Ganz im Gegenteil. In jedem Alter des Lebens ist es wichtig, das Gedächtnis zu trainieren.
In der Jugend geschieht dies in der Schule und ein „Wissensgerüst“ wird aufgebaut. Im Alter gilt es dieses Gerüst am Abbau zu hindern, metaphorisch gesehen. Bildlich gesehen lässt sich das Alter auch mit dem Pflanzenreich vergleichen. Eine Blume wächst, gedeiht, blüht und verblüht, bzw. verwelkt schließlich wieder. Wie im Kreislauf des Lebens; es fängt klein an, das Leben, und hört klein wieder auf.
Mein neu gewonnenes, positives Bild eines Altersheims ist nun geprägt von hilfsbedürftigen lieben Menschen, die größtenteils an ihre Rollstühle angewiesen sind.
Ihre eingeschränkte Motorik und Autonomie sagen rein gar nichts über die Menschen aus . Sabbern beim Essen oder verwirrtes Gerede sind ein stummer Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit, bzw. ein Ausdruck des „äußeren“ Alters. Als Baby wurde man gefüttert und nun wieder als alter Greis.
Ein Rollentausch der Generationen.
Von Alt hilft Jung, wurde Jung hilft Alt. Abschließend lässt sich das Alter also anhand der inneren Stärken und Werten sowie des Verstandes bestimmen.
„ Alternde Menschen sind wie Museen. Nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Inneren.“ ( Jeanne Moreau)
Es geht also darum, was man aus seinem Alter noch macht. Die alte Generation verdient es, nachdem sie so viel im Leben geleistet haben, von der jungen Generation gepflegt zu werden.
Jung und Alt, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Eine Symbiose zwischen Eltern und Kindern, die bis in weitere Generationen weitergegeben wird und es gilt sie zu hüten und bewahren, damit es viele „ Bäume voller Früchte“ geben kann.

Elisa-Anais Engel (J1-1)
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